Kau dich fit: Warum Kaufähigkeit Gesundheit ist
Kauen ist keine Nebensache
Am 25. September ist Tag der Zahngesundheit. Das Motto 2026 lautet "Gesund beginnt im Mund – Kau dich fit!", und es trifft einen Punkt, der im Alltag kaum jemandem auffällt: Kauen ist die erste Stufe der Verdauung, ein tägliches Training für Kiefer und Muskulatur und ein messbarer Faktor für die Gesundheit im Alter. Wer schmerzfrei und kräftig kauen kann, isst anders, nimmt Nährstoffe anders auf und hält den Kopf länger wach.
Der Tag der Zahngesundheit wird seit 1991 jedes Jahr am 25. September vom Aktionskreis zum Tag der Zahngesundheit getragen. Ihm gehören rund 30 Organisationen an, darunter die Bundeszahnärztekammer, der GKV-Spitzenverband, der Verein für Zahnhygiene und der Bundesverband der Zahnärztinnen und Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (Quelle: Aktionskreis zum Tag der Zahngesundheit, Pressemitteilung 2026).
"Die uneingeschränkte und schmerzfreie Kaufähigkeit ist eine der Säulen, auf denen unser Wohlbefinden ruht – jeden Tag, ein Leben lang." — Aktionskreis zum Tag der Zahngesundheit, Pressemitteilung zum 25. September 2026
Dieser Beitrag erklärt, was hinter dem Motto steckt, was die aktuelle Deutsche Mundgesundheitsstudie über Zahnverlust im Lebenslauf zeigt und was Sie konkret tun können, damit Ihre Kaufähigkeit so lange wie möglich erhalten bleibt.
Was beim Kauen im Körper passiert
Kauen zerkleinert Nahrung und mischt sie mit Speichel. Erst dadurch werden Kohlenhydrate vorverdaut, Fette und Proteine für den Magen zugänglich und Vitamine aus faserreichem Gemüse überhaupt verfügbar. Wer schlecht kaut, schluckt größere Stücke, verdaut schlechter und weicht unbewusst auf weiche, oft stark verarbeitete Lebensmittel aus.
Genau darauf zielt das Motto 2026. Die Bundeszahnärztekammer weist darauf hin, dass stark verarbeitete, weiche Produkte und zuckerhaltige Getränke die Kauaktivität senken und gleichzeitig Karies begünstigen. Der Kiefer ist ein Muskelsystem, und Muskeln bauen ab, wenn sie nicht gefordert werden.
"Nur, wenn der Kiefer regelmäßig gefordert wird, bleibt seine Muskulatur stark." — Bundeszahnärztekammer, Presseinformation zum Tag der Zahngesundheit, 2026
Die Effekte gehen über den Mund hinaus:
- Verdauung und Nährstoffaufnahme: Gründlich gekaute Nahrung wird besser aufgeschlossen. Bei eingeschränkter Kaufunktion sinkt nachweislich die Vielfalt der Ernährung, vor allem bei Obst, Gemüse und Vollkorn.
- Sprachentwicklung: Bei Kleinkindern unterstützt kräftiges Kauen die Entwicklung der Mund- und Zungenmuskulatur und damit die Lautbildung.
- Kognition im Alter: Eine Studie des Karolinska-Instituts fand bei älteren Menschen, die harte Nahrung nur schwer kauen konnten, ein deutlich höheres Risiko für kognitive Einschränkungen. Ob mit eigenen Zähnen oder mit Zahnersatz gekaut wurde, spielte dabei keine Rolle. Entscheidend war die Funktion (Quelle: Karolinska Institutet, berichtet in zm-online).
- Ernährungszustand: Untersuchungen an geriatrischen Patienten zeigen einen engen Zusammenhang zwischen unzureichendem herausnehmbarem Zahnersatz und Mangelernährung, mit reduzierter Aufnahme von Energie, Eiweiß, Ballaststoffen und Calcium (Quelle: zm-online, Mangelernährung und prothetische Versorgung).
Der Aktionskreis formuliert vorsichtig, dass experimentelle und epidemiologische Studien Hinweise darauf geben, dass eine eingeschränkte Kaufunktion mit einem erhöhten Demenzrisiko assoziiert sein könnte. Ein Beweis für Ursache und Wirkung ist das nicht. Aber es ist ein guter Grund, Kaufähigkeit nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn sie fehlt.
Was die DMS 6 über Zahnverlust im Lebenslauf zeigt
Die 6. Deutsche Mundgesundheitsstudie des Instituts der Deutschen Zahnärzte hat im April 2026 erstmals Verlaufsdaten vorgelegt: Dieselben Menschen wurden nach neun Jahren erneut untersucht. Das macht sichtbar, wann im Leben Zähne verloren gehen und warum.
Die gute Nachricht zuerst. Die 35- bis 44-Jährigen der 1990er-Jahre hatten bereits mehr als fünf Zähne verloren. Den jüngeren Erwachsenen von heute fehlt im Durchschnitt gerade mal ein Zahn. 80 Prozent der 12-Jährigen sind kariesfrei, und der Anteil völlig zahnloser 65- bis 74-Jähriger ist auf rund 5 Prozent gesunken (Quelle: IDZ, DMS 6, Pressestatement 14. April 2026 und Ergebnisportal 2025).
"Das gemeinsame terminale Erkrankungsstadium der Karies und Parodontitis ist der Zahnverlust – ein Prozess, der in der Regel Jahre und Jahrzehnte dauert." — Prof. Dr. A. Rainer Jordan, Wissenschaftlicher Direktor des IDZ, Pressestatement zur DMS 6, 14. April 2026
Die weniger gute Nachricht steckt im Verlauf:
- 62 Prozent der Seniorinnen und Senioren erleiden innerhalb von neun Jahren Zahnverluste, doppelt so viele wie im mittleren Erwachsenenalter.
- Erwachsene verlieren in neun Jahren durchschnittlich 0,6 Zähne, Senioren 2 Zähne, also gut dreimal so viele.
- Wer bislang vollbezahnt war, verliert deutlich weniger Zähne als Menschen mit bereits erlittenem Zahnverlust. Der erste verlorene Zahn ist häufig der Anfang einer Kette.
- Menschen mit Diabetes fehlen im Durchschnitt doppelt so viele Zähne wie Menschen ohne Diabetes.
- Die entscheidende Verschlechterung der Parodontitis findet zwischen 40 und 50 Jahren statt. Behandelt wird aber meist erst im Seniorenalter. Zu spät, wie das IDZ selbst formuliert.
(Quelle: IDZ, DMS 6, Pressestatement 14. April 2026; KZBV, Pressemitteilung zur DMS 6, 2026)
Für die Kaufähigkeit bedeutet das: Der Kampf um das Gebiss im Alter wird nicht im Alter entschieden, sondern zwischen 40 und 60. Wer in dieser Phase Parodontitis kontrolliert, Zähne erhält statt zieht und Lücken zeitnah schließt, kaut mit 75 anders als jemand, der abgewartet hat.
Warum jeder einzelne Zahn für das Kauen zählt
Ein Gebiss ist ein System aus Kontakten. Fehlt ein Seitenzahn, verschiebt sich die Kaubelastung auf die Nachbarzähne, der Gegenzahn wächst in die Lücke hinein, Nachbarzähne kippen. Das verändert den Biss, überlastet einzelne Zähne und macht sie anfälliger für Risse und Parodontitis. Eine Lücke im Seitenzahnbereich ist deshalb keine kosmetische Frage, sondern eine funktionelle.
Dazu kommt die Kaukraft selbst. Ein natürlicher Zahn ist über den Faserapparat im Knochen aufgehängt und meldet Belastung an das Gehirn zurück. Diese Rückmeldung fehlt bei herausnehmbarem Zahnersatz weitgehend, deshalb kauen Menschen mit Totalprothese messbar schwächer und weichen auf weichere Kost aus. Festsitzender Zahnersatz auf eigenen Zähnen oder auf Implantaten kommt der natürlichen Funktion deutlich näher.
Daraus ergibt sich für uns eine klare Reihenfolge:
- Eigene Zähne erhalten, solange sie biologisch sinnvoll erhaltbar sind. Das ist der Kern unserer Zahnerhaltung: Karies früh behandeln, Wurzelkanäle unter dem Mikroskop versorgen, Risse erkennen, bevor der Zahn bricht.
- Den Zahnhalteapparat stabilisieren. Parodontitis ist bei Erwachsenen die häufigste Ursache für Zahnverlust. Eine strukturierte Parodontologie mit Nachsorge ist die wirksamste Investition in die Kaufähigkeit mit 70.
- Lücken funktionell schließen. Wenn ein Zahn nicht mehr zu halten ist, entscheidet die Versorgung über die Kaufunktion der nächsten Jahrzehnte. Zahnimplantate geben die Kaukraft am ehesten zurück, weil sie im Knochen verankert sind und Nachbarzähne nicht beschliffen werden müssen.
Ab dem 1. Januar 2027 sinken zudem die Festzuschüsse der gesetzlichen Krankenkassen für Zahnersatz um zehn Prozentpunkte. Wer Zähne erhält, statt sie zu ersetzen, hat damit nicht nur funktionell, sondern auch finanziell den längeren Hebel. Was sich genau ändert, haben wir in unserem Beitrag zur GKV-Reform 2027 zusammengefasst.
Kau dich fit: Was Sie selbst tun können
Das Motto des Aktionskreises ist wörtlich gemeint. Kaufähigkeit lässt sich trainieren und erhalten, und zwar in jedem Alter:
- Kauintensiv essen: Rohkost, knackiges Gemüse, Nüsse, Vollkornbrot mit Kruste, Äpfel mit Schale. Der Kiefer braucht Widerstand, so wie jeder andere Muskel.
- Stark verarbeitete Lebensmittel reduzieren: Weiche, zuckerreiche Produkte senken die Kauaktivität und erhöhen das Kariesrisiko gleichzeitig. Zwei Nachteile in einem Bissen.
- Zuckerfreier Kaugummi nach den Mahlzeiten: regt den Speichelfluss an, neutralisiert Säuren und trainiert die Muskulatur. Die Bundeszahnärztekammer nennt ihn ausdrücklich als gesunde Alternative.
- Beidseitig kauen: Wer aus Gewohnheit oder wegen Schmerzen nur auf einer Seite kaut, überlastet diese Seite und lässt die andere abbauen. Einseitiges Kauen ist oft das erste Zeichen, dass ein Zahn Probleme macht.
- Zwischenräume reinigen: Über die Hälfte aller Zahnflächen bleibt nach dem Putzen mit Belag bedeckt (Quelle: IDZ, DMS 6). Interdentalbürsten erreichen die Stellen, an denen Parodontitis beginnt.
- Kauschmerzen abklären lassen: Schmerz beim Zubeißen, ein Zahn, der beim Kauen "anders" ist, oder Beschwerden im Kiefergelenk sind keine Gewöhnungssache. Sie sind meistens ein frühes Symptom, das sich behandeln lässt.
- Regelmäßig zur Prophylaxe: Die professionelle Zahnreinigung entfernt den Biofilm dort, wo Bürste und Zahnseide nicht hinkommen, und ist der Termin, bei dem Veränderungen am Zahnfleisch früh auffallen.
Unsere Praxis im WiloHealthCube am Wilopark 15 in Dortmund-Hörde öffnet im Januar 2027. Bis dahin gilt für alle, die schon jetzt etwas tun wollen: Der wichtigste Beitrag zur Kaufähigkeit ist nicht der Zahnersatz von morgen, sondern der eigene Zahn, der heute erhalten wird.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet das Motto "Kau dich fit" zum Tag der Zahngesundheit 2026?
Der Aktionskreis zum Tag der Zahngesundheit stellt 2026 die Kaufähigkeit in den Mittelpunkt. Gemeint ist, dass kräftiges, schmerzfreies Kauen in jedem Alter Gesundheit erhält: Es unterstützt Verdauung und Nährstoffaufnahme, trainiert die Kiefermuskulatur, fördert bei Kindern die Sprachentwicklung und trägt im Alter zum Erhalt der geistigen Fähigkeiten bei. Der Aktionstag findet seit 1991 jedes Jahr am 25. September statt.
Kann schlechtes Kauen wirklich das Demenzrisiko erhöhen?
Es gibt Hinweise, aber keinen Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang. Eine Studie des Karolinska-Instituts zeigte, dass ältere Menschen mit Schwierigkeiten beim Kauen harter Nahrung ein deutlich höheres Risiko für kognitive Einschränkungen hatten, unabhängig davon, ob sie mit eigenen Zähnen oder Zahnersatz kauten. Vermutet wird, dass verringerte Kaubewegung die Durchblutung und Stimulation bestimmter Hirnregionen senkt. Erhaltene Kaufunktion ist also ein sinnvolles Ziel, kein Versprechen.
Wie viele Zähne verliert man im Laufe des Lebens?
Deutlich weniger als früher. Laut DMS 6 fehlt den heutigen 35- bis 44-Jährigen im Durchschnitt nur ein Zahn, in den 1990er-Jahren waren es in dieser Altersgruppe mehr als fünf. Im Seniorenalter steigt das Risiko aber: 62 Prozent der Seniorinnen und Senioren verlieren innerhalb von neun Jahren Zähne, im Schnitt zwei. Menschen, die noch vollbezahnt sind, verlieren deutlich seltener weitere Zähne als Menschen mit ersten Lücken.
Warum ist eine fehlende Backenzahnlücke ein Problem, wenn sie nicht stört?
Weil sich das Gebiss verschiebt. Nachbarzähne kippen in die Lücke, der Gegenzahn wächst heraus, die Kaubelastung verteilt sich auf weniger Zähne. Das erhöht das Risiko für Risse, Überlastung und Parodontitis an den verbleibenden Zähnen. Eine Lücke im Seitenzahnbereich ist deshalb eine funktionelle Frage, auch wenn sie von außen nicht sichtbar ist.
Kaut man mit Implantaten wie mit eigenen Zähnen?
Fast. Implantate sind fest im Knochen verankert und übertragen Kaukraft ähnlich wie natürliche Zahnwurzeln, deshalb liegt die Kaukraft deutlich über der einer herausnehmbaren Prothese. Was fehlt, ist der Faserapparat des natürlichen Zahns, der Belastung fein an das Gehirn zurückmeldet. Deshalb steht bei uns die Erhaltung des eigenen Zahns immer vor dem Ersatz, und das Implantat vor der herausnehmbaren Lösung.
Ab welchem Alter sollte ich Kaufähigkeit gezielt erhalten?
Spätestens ab 40. Die DMS 6 zeigt, dass die entscheidende Verschlechterung der Parodontitis zwischen 40 und 50 Jahren stattfindet, während die meisten Behandlungen erst im Seniorenalter erfolgen. Wer in diesem Jahrzehnt Zahnfleisch kontrollieren lässt, Zähne erhält und Lücken zeitnah schließt, legt die Grundlage dafür, mit 70 noch kräftig und beidseitig kauen zu können.